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Obwohl Japan einen mit Europa vergleichbaren hohen Lebensstandard hat, zeichnen sich die dortigen Städte im Vergleich zu westlichen Metropolen durch eine viel höhere Dichte, eine besonders kleinteilige Bebauungsstruktur und eine stark ausdifferenzierte Nutzungsmischung auch innerhalb einzelner Quartiere aus. Diese trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg traditionell geprägte Struktur, die bis heute weite Teile Tokyos kennzeichnet, resultiert aus dem technisch modernen, aber traditionelle Parzellenzuschnitte und Nutzungsmuster respektierenden Wiederaufbau nach 1945. Angesichts der wirtschaftlichen Situation geriet die Neubebauung nämlich eher bescheiden und pragmatisch, so dass anders als zur selben Zeit in den europäischen Städten üblich weder eine strenge Funktionstrennung noch eine systematische Auflockerung der Wohnviertel angestrebt wurde. Stattdessen errichteten in den meisten Fällen die Eigentümer Neubauten auf ihren an kleinen Gassen gelegenen Parzellen. So entwickelte sich eine ausgesprochen dichte, kleinteilige und durchmischte Bebauung, deren Fussgängerfreundlichkeit und urbane Vielfalt den Siedlungsstrukturen der vorindustriellen Ära nicht unähnlich ist, deren Bausubstanz aber überwiegend aus dem 20. Jahrhundert stammt. Zu Tokyos Besonderheiten gehört daher, dass traditionelle Quartiersstrukturen auch ohne eine historisierende Gestaltung, die den Traditionsreichtum sofort erkennen lässt, weiterexistieren.
Die Modernisierung der Stadt beim Wiederaufbau war dagegen nur punktuell und konzentrierte sich auf Infrastrukturmassnahmen. Zudem entwickelten sich die Quartiere um die Bahnhöfe zu neuen Geschäftsvierteln, die seit den 1960er Jahren dann durch die Anlage von grossmassstäblichen Bürohochhauskomplexen ergänzt wurden. Diese neuen Dienstleistungscluster liegen meist völlig unvermittelt neben den traditionellen Bereichen. Charakteristisch für das heutige räumliche Gefüge Tokyos ist daher der unvermittelte Gegensatz zwischen äusserst kleinteiligen Wohnquartieren und gleich daneben liegenden, ausgesprochen grossdimensionierten Verkehrs- und Bürobauprojekten. Angesichts solcher baulichen Gegensätze ist die räumliche Struktur Tokyos mit dem von geometrischer Ordnung geprägten westlichen Blick nur schwer nachvollziehbar. Dennoch haben die einzelnen Bereiche jeweils ihre eigene, wenn auch „verborgene“ Teilordnung. So weisen die kleinteiligen Wohnviertel trotz aller Kriegszerstörungen eine dörflich anmutende traditionelle Verbundenheit der dort wohnenden Familien mit dem Quartier auf, die von hohem Verantwortungs¬bewusstsein, aber auch rigider sozialer Kontrolle der Bewohner untereinander geprägt ist.
Für den Nutzungsalltag der Bewohner bedeutet diese Struktur Tokyos vor allem, dass die Stadt trotz ihrer immensen Grösse in vielen Teilräumen ausgeprägte kleinräumliche Qualitäten und eine hohe Aktivitätsdichte aufweist. So findet in den innerstädtischen Quartieren traditionell bei kleineren Familienbetrieben der Verkauf bzw. die handwerkliche Arbeit mit Blickbezug zur Strasse oder sogar direkt im Strassenraum statt. Zudem finden viele Alltagstätigkeiten im öffentlichen Raum oder in gemeinschaftlichen Einrichtungen, die von der Wohnung aus nur über den öffentlichen Raum zu erreichen sind, statt. Da in Japan und insbesondere in den Innenstadtbezirken Tokyos die Wohnungen im Vergleich zu Europa extrem klein und teuer sind, hat sich dort das „Wohnen ausser Haus“ trotz des zunehmenden materiellen Wohlstandes bis heute erhalten. Viele Funktionen des Wohnens verlagern sich in Tokyo immer mehr aus dem privaten hinaus in den öffentlichen Raum. Weil die Wohnungen meistens sehr klein sind, wird selten zuhause gekocht und gegessen, dafür gibt es unzählige Nudelküchen, Fastfood-Restaurants, Sushibars, kleinste Stehrestaurants, usw. Auch in so genannten konbini kann man sich meist rund um die Uhr verpflegen. Gebadet wird häufig im öffentlichen Bad, im sento, in Waschsalons stehen reihenweise Comic-Hefte zur Unterhaltung. Das Wohnen verteilt sich über die Stadt, die private Wohnung ist hauptsächlich Schlaf- und Lagerplatz. Die Wohnfunktionen werden immer mehr fragmentiert konsumiert, sodass die Bewohner zu Stadtnomaden werden.

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