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Im Gegensatz zu Tokyo ist Shanghai nicht durch einen sich langsam vollziehenden, sondern durch einen rasanten, derzeit kulminierenden ökonomischen und baulichen Modernisierungsprozess geprägt. Obwohl die chinesische Wirtschaftsmetropole ebenso wie die japanische Hauptstadt eine von baulichen Gegensätzen, Nutzungsmischung und hoher Aktivitätsdichte charakterisierte räumliche Struktur aufweist und sich daher als Fallbeispiel ebenfalls besonders gut eignet ist diese im Detail daher ganz anders ausgeprägt.
Shanghai hat durch seinen politischen Sonderstatus schon seit dem 19. Jahrhundert eine Bindegliedfunktion zwischen China und dem Westen gehabt. Der bis dahin unbedeutende Ort wuchs als Quasi-Kolonie der westlichen Grossmächte binnen weniger Jahrzehnte zu einer der grössten Agglomerationen der Welt, in der sich europäisch amerikanische Ökonomie und Technologie mit den Traditionen der chinesischen Gesellschaft überlagerten. Unterbrochen in der kommunistischen Ära der Nachkriegsjahrzehnte, hat Shanghai diesen Sonderstatus seit den Reformen der 1980er Jahre wieder erhalten und ist als wichtigstes Bindeglied zur globalen Ökonomie die am stärksten westlich geprägte Stadt Chinas.
Diese kulturelle Eigenart Shanghais spiegelt sich auch in den Besonderheiten ihrer baulichen Struktur und ihres öffentlichen Raums als eine mit westlichen Massstäben geplanten Stadt, deren Nutzung aber von chinesischen Traditionen geprägt ist. Denn obwohl nur ein sehr kleiner Teil Shanghais als ummauerte chinesische Altstadt, der überwiegende Teil des Zentrums dagegen in einem von Europäern angelegten Blockraster angelegt worden ist, entsprechen die kleinräumliche Teilordnungen auf der Ebene der Fussgänger in beiden Bereichen des Zentrums gleichermassen den chinesischen Traditionen der Nutzer. Ähnliches gilt für den grössten Teil der innerstädtischen Wohnquartiere, in denen ein als Lilong bezeichneter Bautyp vorherrscht, der eine abgewandelte Form britischer Arbeiterreihenhäuser darstellt, die für den chinesischen Kontext adaptiert wurde. Diese Häuser, die aus einem strassenseitigen Trakt mit Durchgang und mehreren dahinter liegenden Häuserreihen bestehen, sind nur zur Strasse hin ähnlich westlichen Bauten des 19. Jahrhunderts aufgebaut. Im rückwärtigen Bereich erschliesst sich ein in Fischgrätenform angelegtes, manchmal aber labyrinthartiges System von engen Gassen, dessen Nutzungsstruktur der räumlichen Organisation der Tradition chinesischer Städte entspricht. Dabei stellen diese Gassen einen halböffentlichen Raum dar, der zwar grundsätzlich allgemein zugänglich ist, aber aufgrund der intensiven Aneignung durch die Bewohner letztlich eine Erweiterung der engen Wohnungen darstellt, die von der Nachbarschaft kollektiv genutzt wird. Viele dieser Lilong-Siedlungen fallen jedoch dem derzeitigen Bauboom zum Opfer, so dass sich ähnlich wie in Tokyo abrupte Brüche ergeben. Da die Besiedlungsdichte in Shanghai noch höher als in Tokyo ist und zudem Handel und Handwerk zum Teil weiterhin im Strassenraum ausgeübt werden, kreuzen und überlagern sich die Wege und Nutzungen der globalen Wirtschaftseliten und der traditionell arbeitenden Dienstleister auf vielfältige Weise. Im Forschungsprojekt werden daher die Wahrnehmung dieser Brüche zwischen den sehr unterschiedlichen Räumen, ihre Aneignung auch jenseits der geplanten Form und ihre Nutzung im Detail thematisiert.

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