English
01/21
Text

Berlin

Die Bauten der innerstädtischen Bezirke Berlins sind zumeist vier- bis fünfgeschossige Mietshäuser mit strassenseitigen Vorderhäusern und durch mehr oder wenige enge Lichthöfe erschlossenen Hinterhäusern, die eine charakteristische Blockstruktur bilden. Sie entstanden überwiegend im 19. Jahrhundert, zumeist als durchmischte Wohn- und Gewerbeviertel für die Arbeiter der damals industriereichsten Stadt Europas. Diese Bebauung wurde soweit sie nicht im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war über weite Teile des 20. Jahrhunderts aufgrund der mangelnden Ausstattung und Durchgrünung als inadäquate Wohnform abgelehnt und zum Teil abgerissen. Erst mit der steigenden Popularität alternativer Wohn- und Lebensformen seit den 1970er Jahren begann eine aktive Aneignung der Berliner Altbauviertel, die vor allem mit der Nutzungsvielfalt und den kleinräumlichen urbanen Qualitäten der durchmischten Quartiere begründet wurde. Diese positive Neubewertung mündete schliesslich in eine behutsame, bestandsorientierte Sanierung.

Im Laufe der Jahre festigte sich die Präferenz für diese Bauform so sehr, dass die traditionellen Blockformen sogar explizit als Leitbild bei der nach der Wiedervereinigung möglichen Neubebauung des Stadtzentrums durchgesetzt wurden. Berlin bildet daher ein herausragendes Beispiel für den Prozess der (vor allem in Europa, teilweise aber auch in Nordamerika verbreiteten) Wiederentdeckung der historischen Städte als attraktiver Wohnstandort vor allem junger und gebildeter Bevölkerungsgruppen.
Die radikalen Brüche in der Berliner Geschichte, und damit in der Sozialstruktur und Nutzung der Stadt, verdeutlichen daher die enorme Wandlungsfähigkeit des Raumes durch unterschiedliche Formen der Aneignung, und dies bei einer seit 100 Jahren physisch kaum veränderten Bausubstanz. Die Berliner Mietshausquartiere sind daher besonders geeignet als ein Beispiel für die Adaption des öffentlichen Raums durch neue Nutzungen im Zuge des Wandels der Städte zu neuartigen Wohn- und Dienstleistungsstandorten der postindustriellen Gesellschaft.

Zudem weist das teilweise vom 19. Jahrhundert geprägte, teilweise aber auch kriegszerstörte und radikal modernisierte Berlin in seinem Zentrum eine aussergewöhnliche Bandbreite sehr unterschiedlicher Räume auf. So finden sich auf engstem Raum zum einen die besondere Form der Berliner Mietshäuser mit ihrem Hofsystem und der differenzierten Struktur von öffentlichem, halböffentlichem und privatem Freiraum und zum anderen die weiträumig angelegten Magistralen und Plattenbaugebiete der Nachkriegsjahrzehnte. Dadurch wechseln sich auf drastische Weise, wie sie in den Zentren anderer (nicht kriegszerstörter) westeuropäischer Grossstädte nur selten zu finden ist, Räume sehr unterschiedlichen Typs häufig ab. Mit dem Nachvollziehen von Wegen und Verhaltensmustern, die sich beim Durchqueren dieser Bereiche ergeben, lassen sich die für unsere Untersuchung relevante Wahrnehmung und Aneignung verschiedener Strassen-, Platz,- Gassen- und Hofformen besonders gut verdeutlichen.

Aktuell
NFP 65
Öffentlicher Raum in den Alpen
Diskurs der Werkzeuge
Lexikon der Landschaftsarchitektur
Die Landschaft der Verbrachung
Archiv
Taking to the streets
Konzept
Feldforschung
Städte
Berlin
Shanghai
Tokyo
Zürich